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Herkömmliche
Politik im bürgerlichen Zeitalter
war für Rosa Luxemburg das Geschäft
von Berufspolitikern, die im Interesse
jeweils nur eines Teils der Gesellschaft
handeln und für ihn soziale, ökonomische
und kulturelle Vorrechte zu erringen
und zu sichern suchen. Nach Rosa Luxemburgs
Verständnis verharrten sowohl die
reformerisch-parlamentarisch orientierte
SPD als auch die revolutionär-diktatorisch
Kommunisten Lenin’scher Prägung in
dieser bürgerlichen Politiktradition:
Beide verstanden sich weniger als
Teil der Unterprivilegierten, sondern
eher als deren Vertreter.
Für Rosa Luxemburg hingegen sollte
sozialistische Politik und Sozialismus
aus der gemeinsamen, freiwilligen
und bewussten Bewegung aller Unterprivilegierten
entstehen. Diese Bewegung war »die
erste in der Geschichte der Klassengesellschaften,
die in allen ihren Momenten, im ganzen
Verlauf auf die Organisation und die
selbständige direkte Aktion der Masse
berechnet ist«, schrieb sie 1904.
Berufspolitiker und Parteien ließ
sie nur als Teil dieser Bewegung gelten;
ihnen sollte die Organisation und
die politische Bildung obliegen.
Vor allem der 1914 herbeigeführte
Weltkrieg verliehen der Friedensfrage
ein besonderes Gewicht. Die angestrebte
sozialistische Gesellschaft galt Rosa
Luxemburg als zutiefst friedfertig.
Sie sah in ihr eine Form des menschlichen
Zusammenlebens, in der alle Ursachen
für Krieg und Barbarei beseitigt werden
sollten. Nicht zuletzt ihre tiefempfundene
Sehnsucht nach Frieden ließ Rosa Luxemburg
mit aller Leidenschaft für den Sozialismus
eintreten.
Rosa Luxemburg beabsichtigte nicht,
politische Gegner mit physischer Gewalt
zu überziehen: »Die proletarische
Revolution bedarf für ihre Ziele keines
Terrors, sie hasst und verabscheut
den Menschenmord. Sie bedarf dieser
Kampfmittel nicht, weil sie nicht
Individuen, sondern Institutionen
bekämpft, weil sie nicht mit naiven
Illusionen in die Arena tritt, deren
Enttäuschung sie blutig zu rächen
hätte. Sie ist kein verzweifelter
Versuch einer Minderheit, die Welt
mit Gewalt nach ihrem Ideal zu modeln,
sondern die Aktion der großen Millionenmasse
des Volkes ...«
Unter »sozialer Umschichtung« verstand
sie mit Marx die Umstürzung aller
Verhältnisse, »in denen der Mensch
ein erniedrigtes, ein geknechtetes,
ein verlassenes, ein verächtliches
Wesen ist«. Diese soziale Umschichtung
wollte sie durch steten Kampf um die
politische Hegemonie und die Gewinnung
von gesellschaftlichen Mehrheiten
erreichen, mit deren Hilfe die innergesellschaftlichen
Kräfteverhältnisse nachhaltig verschoben
werden sollten. Dies hielt sie für
den geeigneten Weg zur Überwindung
des Kapitalismus. Den Terror vermeintlich
‚stellvertrend’ handelnder Minderheiten
lehnte sie ab.
Deshalb waren Freiheit und Demokratie
für sie kein Luxus, den sozialistische
Politiker nach Gusto gewähren oder
auch verweigern können, sondern Bedingung
sozialistischer Politik: »Freiheit
nur für die Anhänger der Regierung,
nur für Mitglieder einer Partei -
mögen sie noch so zahlreich sein -
ist keine Freiheit. Freiheit ist immer
Freiheit der Andersdenkenden. Nicht
wegen des Fanatismus der >Gerechtigkeit<,
sondern weil all das Belebende, Heilsame
und Reinigende der politischen Freiheit
an diesem Wesen hängt und seine Wirkung
versagt, wenn die >Freiheit~ zum Privilegium
wird.«
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